1
Jul
2011

1000 bilder der marinika (15)

marinika zweigeteilt

marinika räumt die regale aus, trägt die bücher in garten und stapelt sie auf der bank.
sie stöhnt unter der last der bücher. „es muss etwas geschehen, irgendwie muss man die seele entrümpeln“, nörgelt sie über den stapel, „es muss unbedingt etwas geschehen“. dann wischt sie die regale mit einem feuchten tuch aus, und stöhnt noch einmal. nun müsste sie die last zurücktragen.
dann beschließt sie, auf eine hälfte zu verzichten.
„auf eine hälfte werde ich verzichten müssen“, spricht die marinika in halber stimme, und zerreißt die bücher, eines nach dem anderen in der mitte. dann betrachtet sie kritisch die beiden hälften jedes buches und ruft sich die längst gelesenen geschichten in erinnerung. die vielversprechenden anfänge oder die gelungenen enden, die streichelt sie zärtlich mit der hand, bevor sie sie, jetzt ganz ohne stöhnen, in ihre regale zurück trägt. aus dem rest schüttelt sie die kleinen buchstaben heraus, überall auf den rasen im garten, damit daraus die märchen wachsen. die großen buchstaben verfüttert sie an die kanninchen, damit sie nicht immer so stumm dasitzen. interpunktionen überlässt sie den fischen im teich.
„so! so viele reine seiten“, freut sich die marinika,“ so viel entrümpelt!!!“

„so! so! soso!“- sooht sie zufrieden, „es musste ja wirklich endlich etwas geschehen!“ sie drückt noch ein einziges unzerissenes bändchen an die brust (in dem auch die mitte stimmt), und bevor sie sich versehen kann, geschieht das unglück: zwei zeilen schlüpfen heraus aus dem büchlein in das blumenbeet.
marinika wirft sich sofort auf die knie und sucht zwischen den blumenbeeten. „ich finde euch“, seufzt sie,“ ich muss euch finden!“ eine halbe nacht durchkämmt marinika die löwenmäulchen und die dahlien, und sucht verzweifelt nach den versen, unter dem kargen licht der glühwürmchen und sterne. sie flucht laut auf die vögel und eichhörnchen wegen der gefräßigkeit, beschuldigt die maulwürfe und die ameisen des diebstahls, und die hornissen der scheinheiligkeit . sogar mit dem wind legt sie sich an, aber es hilft nichts---
„es hilft nichts“, heult sie, „ich finde sie nicht. vielleicht sind sie tief in die erde vesickert? „denkt die marinika , „sicherlich sind sie das“. und sie findet einen kleinen trost in diesem gedanke. „alles was in die erde kommt, ist nicht für immer verloren“, wispert sie, schon mit halbschlaf überwältigt, liegend im beet . „und wenn ich heute früh aufwache, schmunzelt über mir spitzbübisch ein niegelnagelneuer gingkobaum. sicherlich tut er das!“

17
Mai
2011

1000 bilder der marinika (11)

marinika, relativ

„die orte, die es nicht mehr gibt, sind genaugenommen, nichts anderes, als die zeiten, die vergangen sind“, sagt die marinika und presst die zitronenscheibe mit zwei fingern gegen die innewand des glases, in den wodka.
„genaugenommen, schon“, lächelt der micha, und legt ihr eine serviette auf die theke bereit.
marinika knackt die holzige erdnussschale von den erdnüssen mit den zähnen, und pustet die krümmelchen von den lippen über die linke schulter, auf die fließen. dann schält sie die nüsse aus den zarten rosa schalen und reiht sie, hell und glänzend auf die theke, in kleinen vierergruppen, für micha bereit.
mir ist heute ziemlich nach klugscheißen zumute, denkt die marinika und nippt an dem saueren wodka.
„ziemlich zum klugscheißen bist du ja heute aufgelegt, mäuschen“, sagt der micha, lächelt geheimnisvoll und schneidet noch ein paar stückchen zitrone auf dem holzbrettchen.
stammwirte lächeln immer so scheißgeheimnisvoll, denkt die marinika und bläst die rosa häutchen der erdnüsse von dem handteller dem micha hinter die theke. geduldig, wie die elefanten.
„hey, dafür ist eine lokalrunde fällig“, droht er.
„aber, ist es nicht so, micha, dass wir hier auf einem knäckebrot hocken, und umgeben sind mit zukünftigen und vergangenen torten?“ fragt die marinika und teilt die vierergruppen der erdnüsse in pärchen.
„kann sein“, sagt der micha und zapft sich ein bier, langsam, somit es nicht schäumt.
„dennoch sind die scheißtorten irgendwie…hinter dem panzerglas, micha.“ marinika trennt die pärchen und reiht die einzelnen erdnüsse in kreißform.
„wir sitzen, genaugenommen, im zentrum einer zwiebel, micha…und kommen nicht raus. wir sind die zwiebel selbst“ spricht die marinika weiter.
„genaugenomen, ist das einstein, mäuschen“ lacht der micha, reißt eine erdnuss aus dem kreiß und wirft sie sich in den mund.
marinika betrachtet die lichter an der decke durch das glas, und zählt auf:
„die zwiebelschale der welt, noch eine zwiebelschale der welt, und die zwiebelschale…der welt, und eine weitere zwiebelschale…und gleich dannach noch eine zwiebelschale der welt…und…“
der micha kaut und beobachtet die marinika: „genaugenommen, mäuschen, du wiederholst dich etwas“
„dasisses!“ marinka hebt ihr glas, „genaugenommen , dasisses!“ lacht sie, ein bisschen verzweifelt, „du hast es, wie immer, erfasst, mein lieber. dasisses.“
dann schweigen sie lange und kauen die erdnüsse.
„micha, ist es dir schon aufgefallen dass die erdnussschale nach knäckerbrot schmeckt?“ fragt marinika plötzlich, mit großen augen.
„ja , mäuschen“, nickt er. „und auch das die orte die es nicht mehr gibt, nichts anderes sind, als die vergangene zeiten die es nicht mehr gibt, weil die orte nicht mehr da sind, wegen die zeiten die vergangen sind und die orte mitgenommen haben . ..und,es geht noch weiter: uns gibt es eigentlich auch nicht, mäuschen“, sagt der micha
und weil die marinika es nicht enträtseln kann ob er jetzt scherzt oder es ernst meint, sagt sie nur: „daraufhin ein kirschli.“

1000 bilder der marinika (12)

marinika in dem wartezimmer

in dem wartezimmer, spielt die marinika an den blumenblätter in der blumenvase.
sie ist nicht alleine da. vor ihr sind noch zwei leute dran, die auch gekommen sind etwas zu unterschreiben. unabhängig von der marinika, in eigenen sachen. zwei unbekannte.
die dunkelroten knopfchrysanthemenblüten in der vase, mit ihren kompakten, dichten köpfen, irritieren sie. sie möchte sie anfassen, aber die sekretärin sitzt da wie ein wachhund. als die sekretärin hinter dem tisch aufsteht, um die nächste person in dem büro anzumelden, knöpft die marinika einen knopfchrysanthemenkopf ab, und fängt an mit ihm zu spielen. den stiel hält sie eingeklemmt zwischen den fingern und streichelt mit dem daumen über die dichtgewachsenen roten blütenblätter. sie biegen sich , lassen sich von dem daumen leicht blättern, wie ein winziger geldstapel. hätte man richtig hören können, denkt die marinika, wäre es ein geräusch, als mischt einer die karten neu.
dann löst sich plötzlich ein blütenblatt ab, und all die anderen folgen ihm eilig und fallen nacheinander aus, unaufhaltsam wie die perlen einer perlenkette, der marinika vor die füße.
nackt bis zum apfelgrünem kitzler, liegt der stumpf der chrysantheme in ihrer hand.
dominoday, murmelt die marinika unkonzenrtriert, als sie in das büro eintritt.
gutentag.
gutentag.
ihren namen, bitte?
marinika.
und noch?- der anwalt schaut sie durch die brillengläser an, die so dick sind wie bierflaschenböden.
majalis.
hm. moment. ich habe sie hier nicht…im computer…momentchen…aha…hier. aber hier steht dass sie „compositae“ heißen? - der anwalt betrachtet die marinika fragend über dem dicken hornbrillenrand.
-das ist mein herbstname, sagt die marinika und lässt den chrysanthemen stumpf unter dem anwaltstisch unauffällig fallen.
-so, der ist aber gültig, frau compositae. seit…schon seit…momentchen mal…äääh…
…jaja, ich weiß.- marinika will unnötige gespräche abkürzen. -deshalb bin ich ja da. ich möchte meinen frühlingsnamen zurück.
ach so.- sagt der anwalt, schiebt seine brille mit dem zeigefinger dichter auf die nasenwurzel und weiß was zu tun ist.
hier, -sagt er nach ein paar minuten.- hier müssen sie noch unterschreiben, drei mal in dreifacher ausfertigung…hier: dass sie momentan nichts und niemanden lieben, und hier… dass sie nie mehr lieben werden, und hier noch…ja, da…genau…und dann haben wir es gleich…momentchen noch…ach, hier: dass sie womöglich nie geliebt haben.
marinika liest.
marinika wippt mit dem bein.
marinika kaut an dem kulli.
der anwalt hat winzige apfellgrüne augen. wenn man sie zwinkern hören könnte,denkt die marinika, wäre das ein geräusch, als blättert man einen winzigrünen geldstapel.
„nö“ sagt sie. steht auf und geht.

3
Mai
2011

1000 bilder der marinika (14)

marinikas chakren und die blüten des herzens

marinika weitet die seele auf
das sofa ist ihr komplize
erst lässt sie den staub und dreck fallen von der rüstung
direkt in den kaffeepott
betrachtet dann den regenbogen auf der oberfläche der flüssigkeit
wer wird gewinnen
der schaum oder die farbe
fragt sie sich und lehnt sich dannach an den komplizen (sie ist ja nicht alleine)
marinika atmet die schuppen des tages weg
atmet sich die füße gesund
kopf frei und eisen brüchig
marinika pustet eine heitere öffnung ins dasein
von der spitze des berges hinaus in das tal
wie gelernt, gelernt ja!
nach allen künsten des Yogis
mit kleinen selbstausgedachten improvisationen
lässt sie das dritte auge schläfrig
damits noch überraschungen geben mag im leben
und schon ist sie beim herz
das herz ist noch stark
noch meldet es sich
an dieser stelle also ganz behutsam atmen
denkt sie bei sich
damit sich nicht die ganze kruste auflöst und es schon wieder anfängt zu bl(ü)uten
ein bisschen panzer muss schon sein
kichert sie sich in den atem

marinika weitet die seele auf
reist sich fröhlich ein loch in den bauch
und atmet kräftig über den bauchknoten ein getrammpel aus wildhasen und zahmkatzen
gedrängel der gänseblümchen und rittersporne
eine ganze menge marienkäfer
und dann doch nicht angerannt
sondern auf der leisen sohle eingeschlichen
ein feiner nebel vom waldesfuß
und als es dann plötzlich an der tür klingelt
zuckt das sofa erschrocken zusammen,
aber es hat einen komplizen, es ist ja nicht alleine, das sofa:
und so wispert die marinika zärtlich und leise zu ihm:
„fürchte dich nicht, liebes, du bist nicht alleine…
die menschen, die lassen wir nicht durch.
noch habe ich zwei augen beisammen.

nur."

29
Apr
2011

1000 bilder der marinika (9)

marinika und die schleichwerbung

marinika im neuen jahr hat es wohlig und bequem, sie wippt mit dem rücken an der hecke angelehnt, ein sektglas im ärmel.
die russen von dem oberen stock feuern bunte raketen in den mitternachtshimmel, einer schielt rüber, ob er sie küssen soll. der der immer vom fenster winkt. quadratisch ist er, sehr quadratisch um die schultern. "quadratisch, praktisch, gut", kichert sie in ihren schal...aber involviert möchte sie nicht werden. "neponimaju", denkt sie, "ja neponimaju wonach du dich sehnst". der quadratische lächelt und prostet ihr zu. "bloß nicht rüber kommen" , denkt sie, und so umzäunt sie sich vorsorglich mit nachbarnskindern und knallfröschen. "siehst du denn nicht, russe, ich ponimaju rein gar nix, ich- große mama. obermutti. ich -MAJKA."
lila und grün leuchten die feuerwerksraketen der kinderschaar. marinika ist die feuerzeugträgerin. feuerhüterin. marinika hat das feuer.
"bloß nicht", murmelt sie in den schall und rauch der straße.
sowas brächte einen russen sofort um. eine hüterin. dass ich nicht lache, lacht sie.
die marinika nippt an ihrem mumm und schaut weg.

28
Apr
2011

1000 bilder der marinika (13)

marinika fast damenhaft, und der sonnenuntergang der hühner

ein jeder tag
wäre ein gedicht
gebe es die prosa nicht
so summselt die marinika durch ihren verdauungsspaziergang in der gegend
und fragt sich auch nicht welcher teil des reimes positiv bewertet werden sollte
und welcher negativ
sie summselt
und überhaupt schon wieder : die bewertungen
und die unmöglichkeit sich den engen blicken zu entziehen der auswerter
die die freiheit beschneiden des beäugten
wie der steife brusthalter den hefeteigbusen
„seitensehen erschwert bis ausgeschlossen“
summselt sie,
so hieße die diagnose, wären die augen der betrachtenden krank
und nicht nur die seelen gelangweilt
dämmerungssichtschwäche hieße es, oder ähnlich,
das,
was auch die hühner haben
obzwar sie angeblich nicht dämlich sein sollten
der mehrheitszahl der stimmen nach zu urteilen
jaja marinika hört schon wieder die stimmen und ist gar nicht verrückt
wie kann das sein wie kann das sein
stimmen von stimmen über die stimmen, darüber was die stimmen zu sagen vermocht haben
und ohren zu hören geglaubt
ein gegacker ist das, eine wichtignehmerei, sich selbst und der marinika (aber auch! oho aber!)
(und schon verneint sich die unglaubwürdige wertigkeit von selbst!)(schon wieder!)
denen dämmert es einfach nicht, den hühnern
denen will es schlicht und einfach nicht dämmern
dass: gebe es die prosa nicht
ein jeder tag wäre ein gedicht
und das wäre womöglich zu viel der süße
so summselt sie weiter, die marinika
und lässt daraufhin feierlich
und fast damenhaft einen leichten furz fliegen,
in die unendlichen räumlichkeiten des horizontes
weil:
wahrlich ist das hier ein sonnenuntergang, zum niederknien
breit und schön.



© Dubravka Wernecke

12
Sep
2008

yeah, i can smoke in here

fangen wir mit den fremden wörtern an/
es fehlen zwar die eigenen nicht/
bloß trällert der ry cooder das besser/
wie ich mich in diesem blog fühlen möchte:
"just tell saint peter at the golden gate
i won't be late but let me get it straight
can i get a beer can i smoke in here"
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